Wirtschaftsentwicklung – ein Wunschbild
Die Politik macht ihren Job: Gesundbeten, die psychologischen Rahmenbedingungen zum Konsum schaffen. Die unternehmernahen Medien bemühen sich, täglich zumindest eine positive Botschaft abzusetzen:
- “Prima Stimmung, große Auslandsnachfrage und anziehende Investitionen – die Erholung der deutschen Wirtschaft straft pessimistische Prognosen Lügen. Sollte das Arbeitsmarktwunder anhalten, spricht alles für einen kräftigen Aufschwung”, Financial Times.
- “Die deutsche Wirtschaft könnte nach Einschätzung führender Ökonomen im kommenden Jahr doppelt so stark wachsen wie von der Bundesregierung angenommen. Schwarz-Gelb würde das neue finanzielle Spielräume eröffnen”, Financial Times.
- “Wirtschaftsklima so gut wie vor der Lehman-Pleite … ifo-Geschäftsklimaindex”, Staatsfernsehen ZDF.
Auf der anderen Seite gibt es mehr oder weniger deutliche Stimmen, denen die analytische Bewertung näher steht, als trickreiche Psychologisierung.
- “Der Aufschwung kommt, aber nicht so gewaltig, wie viele ihn sich wünschen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut IW sieht einen “mühsamen Prozess” im kommenden Jahr”, schreibt n-tv.
- “Die Wirtschaft wächst wieder – in Deutschland, in den USA und in China sowieso. Doch ein genauer Blick hinter die Zahlen der Statistikbehörden zeigt: Ob die Konjunktur damit eine echte Trendwende erlebt, ist mehr als zweifelhaft”, schreibt das Manager-Magazin als ausgewogene Analyse der Vermögensverwaltung Dr. Thilenius Management GmbH in Stuttgart.
Über einen Fundamentalsatz sollte man sich klar werden: ein Aufschwung,
- der investitionsgetragen ist, der nicht auch gleichzeitig nicht vom Konsum unterstützt wird, ist ein staatlich gefördertes Strohfeuer; Nachhaltigkeit gleich Null
- der in einem negativen Konsumklima gedeihen soll, wird nicht funktionieren.
Es ist mehr als fraglich, ob gewisse Schreiber die wirtschaftliche Prozesskette zur Analyse berücksichtigen: vor Neuinvestitionen ( Ersatzinvestitionen ausgenommen ) ist die Produktnachfrage eine Unabdingbarkeit. Produktnachfrage jedoch generiert sich nur dann, wenn in breiten Bevölkerungsschichten verfügbare freie Einkommen vorhanden sind.
- “Knausrige Deutsche gefährden Aufschwung 2010 … Es sieht ganz so aus, als ob 2010 der Staat als Hauptantrieb für die Wirtschaft einspringen muss”, mäkelt die WELT.
- “Die Konjunktur in Deutschland zieht wieder an – doch das löst nicht alle Probleme: Die Stimmung der Verbraucher hat sich zum Jahresende weiter abgekühlt. Zwar zeigen sich die Bürger vor dem Weihnachtsgeschäft in Kauflaune. Sie seien aber skeptisch, was die Aussichten für die Konjunktur betrifft, berichtete die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg”, schreibt SPON.
- “Steigende Arbeitslosenzahlen und die Überschuldung vieler Haushalte sprechen dafür, dass der Konsum 2010 eine Bremse des globalen Aufschwungs werden wird”, schreibt das Handelsblatt in Übereinstimmung zu SPON.
Wie sehen denn die Schlüsselfakten aus?
- Der amerikanische Immobilienmarkt hat sich nicht erholt; Kreditvergaben an die amerikanischen Konsumenten, die Ursache für den Wirtschaftsaufschwung der Welt, werden stagnieren. Die Käufer werden mit größter Vorsicht ihr letztes Geld ausgeben! Damit wird das amerikanische Wachstum nur von der temporären Staatsförderung getragen; die Jubelmeldungen sollte man mit größter Vorsicht genießen. Die Zukunftsaussichten sind sehr ungünstig, weil die amerikanische Regierung der Deindustrialisierung lange Zeit tatenlos zugesehen hat; ganze Industriebereiche sind nach Mittel- und Südamerika und Asien ausgewandert. Was geht uns Deutsche Amerika an? Sehr viel, weil Amerika bislang der Weltmotor der Wirtschaft war.
- Die relative Entindustrialisierung Amerikas hat massenhaft Arbeitslosigkeit erzeugt. Arbeitslose jedoch erzeugen keine Nachfrage in volkswirtschaftlich relevanter Dimension.
- Jeder siebte Bundesbürger ist armutsgefährdet beziehungsweise arm, das sind in Summe etwa 12 Millionen Bürger, die sich fast nichts leisten können – dazu kommen nochmals zumindest 6 Millionen, die hinsichtlich der Zahlen nicht armutsgefährdet sind aber durch einen laufenden Prozess immer mehr in die Richtung kommen sich bald nichts mehr leisten zu können. Das SOEP 2006 des DIW im Armutsbericht der Bundesregierung spricht gar von einer Armutsgefährdung von 18 %, das sind summa summarum 15 Millionen Bundesbürger, die armutsgefährdet beziehungsweise arm sind!
- Der Mittelstand, tragende Säule in Deutschland ehedem, dünnt sich mehr und mehr aus. Während vor 20 Jahren noch höhere Beamte, kleine Gewerbetreibende und Selbstständige zum Mittelstand zählten, beginnt man heute Facharbeiter hinzuzunehmen, um überhaupt noch vom Mittelstand zu sprechen.
- “Die Zahl der gefährdeten Unternehmen sei in den vergangenen 18 Monaten um fast 70 Prozent gestiegen … Der Wirtschaftsinformationsdienst hatte für seine Studie insgesamt 5440 Unternehmen untersucht. Rund 1100 von ihnen sind nach Einschätzung der Experten akut gefährdet”, heißt es in einer Analyse. So entsteht kein Wirtschaftswachstum sondern kontinuierliches Siechtum!
- Einkommensqualitätiv hat sich der Arbeitsmarkt in den letzten 10 Jahren deutlich verändert: aus gut bezahlten Industriearbeitsstellen sind viele Leiharbeitsjobs, Multijobs, Niedriglohnjobs geworden – die Summe der Arbeitsplätze mag gleich geblieben sein, die Einkommensqualität hat sich verschlechtert! Man kann sagen, dass in fast allen westlichen hoch industrialisierten Ländern eine Einkommens- und Gesellschaftsspaltung eingetreten ist. Die Anzahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verharrt auf niedrigem Niveau bei rund 27 Millionen, das heißt, rund 13 Millionen Arbeitende liegen einkommensseitig am Existenzminimum.
- Es ist mit größter Sicherheit anzunehmen, dass ein weltwirtschaftlicher Aufschwung durch die großen Volkswirtschaften Indien und China nicht auftreten wird, weil zwar riesige theoretische Nachfragen bestehen, jedoch kaum in breiten Bevölkerungsschichten verfügbare freie Einkommen vorhanden sind, die eine weltwirtschaftliche Tragfähigkeit ergeben.
- Die amerikanischen Familieneinkommen befinden sich weiter im Rückwärtsgang; in den westlichen Volkswirtschaften scheint es tendenziell in die Richtung zu laufen, dass nur Multijobs und Frauenarbeit das Leben sichert.
- Die Weltwirtschaftskrise und die ( wäre man böse, müsste man sagen - gewollte – ) Finanzkrise haben alle westlichen Staaten ausgeräubert; die Schulden und damit die Schuldzinsen werden den sozialen Sicherungssystemen unwiederbringlich den Todesstoß versetzen.
- Der globale volkswirtschaftliche Kannibalismus um beste Standortbedingungen treiben die westlichen Staatsverwaltungen der hochindustrialisierten Länder in den Ruin, mit allen Folgen. Es liegen Informationen aus Management- Beratungsfirmen vor, nach denen “Weitere Sparrunden werden folgen – was zu Lasten der Arbeitsplätze in Deutschland geht” in den folgenden Jahren deutlich verstärkt stattfinden wird.
- Die Intelligenz in Verbindung mit der riesigen Anzahl junger Menschen in den Schwellenländern wird innerhalb kurzer Zeit eine harte Konkurrenz zu den konventionellen Industrien bei niedrigen Lohnkosten entstehen ( wie der Autor über 8 Monate in China erlebt hat ). Das von der Bundesregierung ausgerufene “Bildungsdeutschland” ist eine riesige Schimäre, mit der die Politik sich Überlebenszeit besorgen will. Wir werden sehen, die Schwellenländer Indien und China werden uns mit ihrer Masse überholen!
- Wir sollten uns klar sein, dass innovative Entwicklungen mit produktionsrelevanter Fertigung/Beschäftigung nicht stattfindet; man rufe sich ins Bewußtsein, dass zum Beispiel die innovative Solartechnologie inzwischen in China deutlich preisgünstiger hergestellt werden kann, so dass sich zunehmend mehr das Modell einstellt, dass in westlichen hochindustrialisierten Ländern Dinge erdacht werden, jedoch in Niedriglohnländer produziert werden. So widersinnig es klingt: die ausgerufene Weltklimakatastrophe ist ein Teilersatz für fehlende Innovationen – würde die Regierung Förderungen an den Produktionsstandort Deutschland verknüpfen, würde sich zwischenzeitlich eine Chance für den Wirtschaftsstandort Deutschland ergeben.
- Wir dürfen einen wichtigen Sachverhalt nicht ganz außer Acht lassen: die Veränderung des Weltklimas bewirkt zwar auf der “intelligenten” Seite Arbeitskräftebedarfe, uns wird jedoch auch vor Augen geführt, dass unsere Lebenskultur zu Lasten der Veränderung der Natur geführt hat; konsumptive Zurückhaltung wird man nicht ausschließen können. Die Deutschland-Debatte sieht ein Wandel in der Lebensphilosophie in den nächsten Jahrzehnten: weg von der konsumptiven Masse – hin zur konsumptiven Klasse; damit verbunden sein dürfte eine Verschärfung der sozialen Differenzierung in der Gesellschaft.
- Unter der Überschrift “Klimawandel” wird eine weitere wichtige Entwicklung die Bevölkerung hart treffen: es wird eine riesige Kaufkraftabschöpfung aus den Privathaushalten stattfinden ( Strom, Abfallstoffe, Behördenkosten … ); diese Kaufkraftabschöpfung steht der binnenwirtschaftlichen Nachfrage im Wege. Fast müsste man fragen: weiß die Regierung über diese Veränderung angesichts der Tatsache, dass seit vielen Jahren auf Exportwirtschaft gesetzt wird und fortgesetzt die binnenwirtschaftliche Nachfrage unerheblich zu sein scheint?
- Die Euro-Dollar Parität hat sich deutlich zuungunsten der europäischen Exportwirtschaft verändert. Eine Parität in Richtung 1,60 wird diese Wirtschaft nachhaltig schädigen. In diesem Zusammenhang darf ein weiterer Aspekt der Veränderung nicht vergessen werden: die Amerikaner drucken Dollars bis die Notenpressen glühen. William Engdahl stellt die These auf: “seit 1971 hat sich die Dollar-Menge um geschätzte 2900 Prozent erhöht.” Bedauerlicherweise veröffentlicht die amerikanische Regierung die M3- Entwicklung nicht mehr, so dass man auf Schätzungen angewiesen ist. Die finanzielle Aushöhlung der Amerikaner wird die wirkliche Gefahr für die Weltwirtschaft, nicht kurzfristig, darstellen.
Diese vorgenannten laufenden Veränderungen gerade in den letzten 10 Jahren werden diese Gesellschaft grundsätzlich verändern. Was gestern galt, wird morgen nicht mehr gelten. Die Schlüsselfaktoren verändern das Leben grundsätzlich und nachhaltig.
Es zeigt sich, dass die veröffentlichenden Analysten immer wieder auf die vergangenen Wirtschaftsperioden hinweisen: “Als Richtschnur kann ein Rückblick auf die wirtschaftlich nicht ganz unähnliche Phase von 2003 und 2004 dienen”, so die Dr. Thilenius Management GmbH. Wenn sich Thilenius da mal nicht täuscht: käuferseitig und damit nachfrageseitig hat sich in den Jahren seit 2003 Elementares verändert, siehe Auflistung zuvor. Es ist aus Sicht der statistischen Wissenschaft eine Extrapolation von Vergangenheitsdaten nur dann eine Aussage zuverlässig, wenn sich die Grundgesamtheit und die Bestimmungsfaktoren nicht ändern. Mit den zuvor genannten Schlüsselfakten tritt eine völlig neue Situation ein, so dass sich 2003 nicht wiederholen wird; man wird somit kaum von einer positiven Wirtschaftsentwicklung in 2010 ausgehen können. Zudem: wer ein Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent als Erfolg verkauft, der sollte auch gleichzeitig sagen, dass dieses Wirtschaftswachstum zu gering ist, um die Beschäftigung zu halten. Mit reduzierter Beschäftigung jedoch wird die Lage in Deutschland immer schwieriger, die Systeme geraten immer mehr in Gefahr.
Ein weiterer Hinweis zu “Expertenberichten”: Experten leben davon, dass sie gute Nachrichten verbreiten. Gute Nachrichten sind Futter für Politiker, sind sie doch darauf angewiesen, im Lichte der Öffentlichkeit eine gute Arbeit zu machen. Also wird genau der gefördert, der Bedenken leicht anmerkt, der keine existenzielle Gefahr der Regierenden darstellt. Nicht wenige im Internet reden von sogenannten bezahlten Mietmäulern. Inzwischen zeigt sich bei den gekauften Experten eine seltene aber wundersame Tendenz: Höhere Mächte sind daran Schuld, dass man der Politik bad news gegenüber bringt, zum Beispiel ist der Klimawandel ursächlich an der miesen Lage beteiligt. Man kann so schlechte Zeugnisse gut verpacken.
Lässt man die “Nebenkriegsschauplätze” weg, dann reduziert sich diese Entwicklung darauf, dass die derzeitige Weltwirtschaftsordnung zum Schaden der hochindustrialisierten Länder gestaltet ist; Köhler und Merkel haben vor vielen Monaten dieses als nicht fair kritisiert; die Kritik jedoch ist inzwischen verstummt, verstummt sind auch politische Nachbesserungsforderungen.
Die Deutschland-Debatte verweist wieder darauf, dass ohne eine globale substanzielle Änderung der Regeln der Weltwirtschaft, wie hier mehrfach beschrieben, wir immer mehr zu einer selektiven Gesellschaftsstruktur kommen – sozialer Sprengstoff inbegriffen:



















