Das Märchen vom Sandmännchen mit dem Geldbeutel
“In ihrer halbjährlichen Vorhersage, die im vergangenen Dezember zum ersten Mal veröffentlicht worden war, schraubten die Bundesbank-Ökonomen ihre Prognose für die Inflationsrate in diesem Jahr von 2,3 auf 3,0 Prozent nach oben. “Das Preisklima in Deutschland ist derzeit erheblich eingetrübt und dürfte sich nur allmählich aufhellen”, hieß es”,
schreibt ZDF Info. Nachdem auch die Pressefachleute die Arbeitslosenzahlen nur noch vor Vergnügen ob der Frechheiten der Veröffentlichung von geschönten Zahlen auf die Schenkel klopfen, der brave Familienvater die ÖR- Fernsehnachrichten ob der verdammt gut gesunkenen Arbeitslosenzahlen zustimmend zur Kenntnis nimmt, muss man sich immer wieder wundern, welch tolle Zahlenwelt wir haben, auch bei den Inflationsraten.
Jede Hausfrau weiß es besser: das ist schlicht und einfach aufgehübscht ohne Ende. Ja, das Statistische Bundesamt bekennt in einem e-Mail an DD, dass diese Zahlen zur Einschätzung der Wirkung auf die einzelnen Haushalte nicht taugen: Das Statistische Bundesamt schreibt
Der Warenkorb des Verbraucherpreisindex besteht aus 750 Gütern. Für jede Güterart – also zum Beispiel für Bücher, Kinokarten oder für Benzin – wird die Preisentwicklung berechnet. Der gesamte Verbraucherpreisindex (VPI) ist dann ein gewichteter Mittelwert aus der Preisentwicklung bei allen 750 Güterarten und gilt für den durchschnittlichen Konsumenten. Es handelt sich also um Gewichte, die repräsentativ für einen durchschnittlichen deutschen Haushalt sind.
Aber: Den durchschnittlichen Konsumenten gibt es nur in der Theorie. Die amtlich berechnete Teuerung lässt sich daher nicht direkt auf die eigene Situation übertragen. Wie stark ein einzelner Haushalt von der Inflation betroffen ist, hängt von seinem individuellen Konsumverhalten ab.
Es ist hier besonders hervorzuheben, dass der mittellose Rentner hat gar nicht den Computer des allgemeinen Warenkorbes in seinem Warenkorb hat, ebenso wenig, wie er die Fernreise hat … Obschon also die Systematik vom Allgemeinen auf das Spezielle zu schließen, nicht funktioniert, verwendet die gesamte Presselandschaft der Einfachheit halber die ( theoretischen ) Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Nun muss man sagen, dass, wenn der Warenkorb wirklich mit den “richtigen” Waren ( was ist mit Abgaben ? ) gefüllt ist, wenn diese Waren wirklich in der richtigen Quantität in dem Warenkorb auftreten, dann bildet ein solcher Warenkorb den volkswirtschaftlichen Verbrauch ab. Preissteigerungsdaten sind dann für volkswirtschaftliche Abteilungen von Unternehmen sehr gut nutzbar.
Völlig ungeeignet ist die Preissteigerungsrate zum Beispiel für die Neubemessung des Haushaltsbudgets einer Familie. Auch der individuelle Preissteigerungsrechner mit Einstellung gewisser Konsumgewohnheiten erfüllt nicht die Erwartungen, weil hier nur 50 Prozent des Warenkorbes erfasst wird. Man kann leider nur feststellen, unser Geld verrinnt wie feinster Sand zwischen den Fingern und wir entsparen uns immer mehr. Wir können auch feststellen, dass die überall veröffentlichten Zahlen mit dem eigenen Erleben nichts zutun haben.
bmautor hat den überaus erfahrenen Herrn Jahnke angeschrieben und um eine fachliche Auflärung gebeten:
Wenn man in deutschen Zeitungen schaut, wird immer wieder Preissteigerungsrate mit Inflationsrate gleich gesetzt; andere Seiten sagen, die Inflationsrate müsse über die Preissteigerung berechnet werden; die Menschen auf der Straße verhöhnen die vom Statistischen Bundesamt ermittelten Preissteigerungsraten, weil die ihrer Meinung nach viel höher liegen müssten: es tritt sehr offen die Frage auf, wer führt uns hier hinter das Licht?
Nun hat Professor Brachinger die „gefühlte“ Inflation „erfunden“. Sie soll dem Bürger ein wenig Recht geben, sicherlich wissenschaftlich kaum abgesichert. Wenn ich andere Seiten ansehe, dann wird die Inflationsrate über die Geldmenge berechnet.
Ich will damit sagen, es gibt viele unterschiedliche Methoden und Autoritäten. Da ich nur 2 Semester ( neben meinem normalen Ingenieursstudium ) VWL ( TH Darmstadt, Prof. Horn, Sen. ) hatte, traue ich mir eine Abgrenzung und Bewertung nicht zu. Ich möchte Sie höflich fragen, ob Sie unserer Seite, www.deutschland-debatte.de, vielleicht aus Ihren vorliegenden Texten einen Text überlassen könnten, den wir dann auf diese Internetseite bringen werden?
Ich bin Herrn Jahnke überaus dankbar, dass er DD die Genehmigung der Veröffentlichung einer Antwort erlaubt hat:
Ja, Sie haben recht. Mit den Inflationszahlen wird sehr viel Politik gemacht.
Es gibt eine amtliche Inflationsberechnung, die das Statistische Bundesamt jeden Monat neu bekannt macht. In der Tat, wie Sie sagen, verhöhnen viele Normalbürger diese Angaben, weil die Inflation ihrer Meinung nach viel höher liegen müßte. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen.
Zunächst einmal ist die Inflationsberechnung in vielen Ländern immer wieder zu politischen Zwecken mißbraucht worden. So merkte anfangs der 90er Jahre die amerikanische Regierung, daß sie ein Problem mit steigenden Kosten der Sozialversicherung, Gesundheitsversicherung und der Beamtenpensionen bekam. Diese wurden jährlich der Inflation angepaßt. Bei steigender Inflation erhöhten sich diese Kosten stärker und vergrößerten das Haushaltsdefizit. Also mußten sie wieder zurückgeführt werden. So wurde nun unter Clinton die Berechnung der Inflationsrate in mehrfacher Hinsicht revidiert und damit erheblich niedriger ausgewiesen So wurde das Prinzip der Substitution eingeführt. Wenn der Rindfleischpreis stieg, wurde unterstellt, daß die Menschen statt dessen Hühnerfleisch kaufen und wenn dessen Preis stieg, Fisch. Notfalls, wenn alle Fleisch- oder Fischpreise stiegen, würden sie alle Vegarier werden. Außerdem wurde statt des gleichmäßigen Gewichts im Warenkorb ein geometrisches eingeführt. Produkte mit Preissteigerungen erhielten dadurch automatisch ein geringeres Gewicht. Statt der Preise für neue Autos, die jedes Jahr stiegen, wurden fallende Preise für Gebrauchtwagen eingesetzt. Bei explodierenden Immobilienpreise, wurde größeres Gewicht auf weniger steigende Mietspreise gelegt, obwohl 69 % der Haushalte Eigentümer sind. Dabei werden nicht einmal die tatsächlichen Mieten genommen, sondern die niedrigen hypothetischen, wenn alle Eigner ihre Wohnquartiere vermieten würden.
In Deutschland wird die amtliche Inflationsberechnung einerseits durch das hedonistische Element verzerrt, wobei die Preisermittler Produktverbesserungen so ziemlich noch eigenem Gusto als indirekte Preissenkungen verarbeiten. Außerdem wird immer wieder unterschlagen, daß der praktische Warenkorb je nach Einkommens- und Alterssituation sehr viel anders aussieht, das Statistische Bundesamt aber mit einem Durchschnitt arbeitet.
Mich hat geradezu schockiert, als das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung unter der Überschrift „Teuerung trifft Einkommensgruppen relativ gleichmäßig” meldete: „Bezieher niedriger Einkommen geben im Vergleich einen höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel und Wohnen aus und sind deshalb etwas stärker von den Preissteigerungen in diesen Segmenten betroffen. Nach Einkommensverhältnissen unterschieden stellt man fest, dass das Gewicht von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren bei den Beziehern niedriger Einkommen mit einem Budget von bis zu 1300 Euro bei 15 Prozent liegt, während die Haushalte mit einem Einkommen von mehr als 5000 Euro nur 11,6 Prozent für diese Güter ausgeben. Die Bezieher höherer Einkommen werden dagegen stärker von den gestiegenen Verkehrskosten belastet. Per Saldo trifft die Inflation alle Einkommensklassen trotz ihrer unterschiedlichen Konsumgewohnheiten in etwa gleich. Wir haben in unserer Untersuchung auch keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Alleinstehende, Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern systematisch stärker als der Rest der Bevölkerung von der Inflation betroffen sind.”
Was das DIW dabei geradezu bösartig unterschlägt: Die hohen Einkommen geben einen viel kleineren Teil in den inflationsbelasteten Konsum und sparen viel höhere Anteile. Das hat das Statistische Bundesamt schon vor Jahren festgestellt. Wenn die Besser- und Bestverdiener heute z.B. Immobilien kaufen oder ihr Geld an den Finanzmärkten profitträchtig anlegen, vielleicht noch unter Einschaltung von “Heuschrecken”, spüren sie insoweit von der Inflation gar nichts, im Gegenteil: Immobilien kaufen sich in Deutschland seit Jahren zu Schnäppchenpreisen, wenn man nur das Kleingeld dafür hat.
Prof. Brachinger von der Universität Freiburg/Schweiz hat seit Jahren das Inflationsgefühl gemessen. Hierzu werden die Güter nach ihrer Kaufhäufigkeit gewichtetet statt nach ihrem Anteil an den Gesamtausgaben. Preissenkung werden nur halb so stark gewertet wie Preissenkungen. Die so „gefühlte” Inflation ist nach Professor Brachinger seit Mitte vergangenen Jahres von rund fünf auf 12,8 Prozent im März und 11,6 Prozent im April dramatisch in die Höhe geschossen und liegt derzeit sogar noch höher als unmittelbar nach der Euro-Einführung (elf Prozent). Natürlich kann diese Berechnung nur den psychologischen Effekt der Inflation nachzeichnen, nicht aber mit der faktischen Inflationsberechnung konkurrieren.
Außerdem jedoch hat Prof. Brachinger die Inflation mit einem realistischeren Warenkorb für bestimmte Personengruppen berechnet. Dann schlägt die Inflation vor allem wegen des starken Gewichts von Nahrungsmitteln und Heizung bei Beziehern kleinerer Einkommen, vor allem Rentner, viel höher als die amtliche zu. So sind die rund 20 Millionen deutschen Rentner von der hohen Teuerungsrate doppelt so stark betroffen wie die Durchschnittsbürger. Für ihre Einkäufe mußten sie im März durchschnittlich etwa 6 % mehr bezahlen als noch ein Jahr zuvor. Die Experten haben einen Index entwickelt, der die Preisentwicklung von 50 Waren mißt, die besonders häufig von Senioren gekauft werden (vorwiegend Lebensmittel). Rentner geben einen relativ großen Teil ihrer Rente für Lebensmittel aus. Die sind in den vergangenen Monaten besonders teuer geworden, z. B. Milch + 28 %, Käse + 27 %, Brötchen + 12 %. Auch das teure Benzin sowie die ständig steigenden Strom- und Gastarife fressen einen übermäßig großen Anteil der Rente auf. Dagegen profitieren Rentner von vielen Preissenkungen (z. B. bei Computern, Handys, Fernsehern), die die allgemeine Inflationsrate drücken, kaum, da sie diese Waren fast nie kaufen.
Wenn wir also auf der Suche nach der Inflation sind, möchte den wichtigen Satz nochmals herausstreichen: “Natürlich kann diese Berechnung ( Anmerkung DD: die Brachinger Berechnung ) nur den psychologischen Effekt der Inflation nachzeichnen, nicht aber mit der faktischen Inflationsberechnung konkurrieren.
Leider konnten wir auch zu der Inflationsberechnung über die Geldmenge noch keine Klärung erreichen, DD wird aber am Ball bleiben. Wichtiges Stichwort ist hier auch “Österreichische Schule”. Wer an diesem Thema interessiert ist, lese auch diesen Link.
Abschließend nochmals Dank an Herrn Jahnke und DD wünscht Herrn Jahnke zu seinem neuesten Buch, ”
Globalisierung: Legende und Wahrheit: Eine Volkswirtschaftslehre für nicht ganz Dumme (Taschenbuch)” viel Erfolg; ich sehe: derzeit bereits ausverkauft!!!





http://karlweiss.twoday.net/stories/4041742/ Wie die offizielle Inflation nach unten manipuliert wird