Mehrwert schaffen
Josef Ackermann hat in einem bemerkenswerten Interview mit dem SPIEGEL ( “Wir sind doch keine Unmenschen” ) gestern beklagt, dass es “den Repräsentanten der deutschen Wirtschaft, offenbar nicht ausreichend gelingt, die (wirtschaftlichen) Zusammenhänge so zu erläutern, dass sie für die Bürger nachvollziehbar sind und ihnen die nötige Zuversicht geben.” In der Wahrnehmung von Herrn Ackermann ist es ja nicht so, dass “das Leben der Menschen immer unsicherer wird. Deutschland profitiert klar von der Globalisierung.” Gleichzeitig hat der SPIEGEL online gestern vorab die Ergebnisse einer DIW-Studie veröffentlicht, ( Deutschlands Mitte schrumpft dramatisch – Top-Verdiener legen zu ) gemäß derer die Verteilungsforscher eine “Zunahme der Einkommensungleichheit” konstatieren und der Graben zwischen Arm und Reich auch in Deutschland immer tiefer wird. Die Angst vor dem Abstieg greift um sich. Erklärung der DIW-Forscher: “Unter dem Druck der Globalisierung hat sich die soziale Lage der Republik sehr viel unvorteilhafter entwickelt als bislang bekannt.” Herr Ackermann wird sich sehr anstrengen müssen, seine Wahrnehmung der Globalisierung der Öffentlichkeit nachvollziehbar zu erläutern.
Aber der arme Herr Ackermann steckt auch auf anderen Feldern in Erklärungsnöten. Eines der ertragsreichsten Geschäftsfelder der Deutschen Bank ist die Vermögensverwaltung ( asset management ). In einem ebenfalls gestern publizierten, sehr lesenswerten Artikel “So viele Banker – so wenig Mehrwert” bezweifelt die Financial Times online den volkswirtschaftlichen Nutzen ausgerechnet dieser Tätigkeit. Mehr noch, sie weist daraufhin, “dass noch andere Finanzbereiche nur überschaubaren volkswirtschaftlichen Nutzen leisten” z. B. Analysten und Fondsmanager. Es wird ausgeführt, dass man in der Finanzwirtschaft “vom Lotto-Prinzip nicht mehr weit entfernt” ist.
In der Tat ist vielen Mitmenschen nicht bewusst, dass in der Finanzwirtschaft mit dem Horten und Verwalten von Vermögen (Vermögensverwaltung) kein Mehrwert geschaffen wird – allen Beteuerungen von Banken und Finanzdienstleistern zum Trotz, das Geld der Anleger vermehren zu können. Zum Beleg dieser wenig akzeptierten und oft bestrittenen Tatsache eine Betrachtung des Handels mit Aktien:
Drei Personen A, B, C verfügen über jeweils 1.000 Euro.
Gesamtwert: A, B, C je 1.000 Euro = 3.000 Euro.
Ein Unternehmen X gibt im Rahmen einer Kapitalerhöhung Aktien zum Kurs von 100 Euro aus, um damit die Entwicklung neuer Produkte zu finanzieren. A kauft für 500 Euro fünf Aktien von Unternehmen X.
Gesamtwert: A hat 500 Euro+ Unternehmen X mit 500 Euro, B, C je 1.000 Euro = 3.000 Euro.
Unternehmen X kündigt die Ausbietung der neuen Produkte an, der Kurs steigt, B kauft die fünf Aktien von A zum Preis von 750 Euro.
Gesamtwert: A hat 1.250 Euro + B mit 250 Euro + C mit 1.000 Euro + Unternehmen X mit 500 Euro = 3.000 Euro.
Unternehmen X teilt mit, dass Produkte wegen technischer Mängel nicht verkaufbar sind, der Kurs der Aktie bricht ein. C kauft die fünf Aktien von B für 250 Euro.
Gesamtwert: A hat 1.250 Euro + B mit 500 Euro + C mit 750 Euro + Unternehmen X mit 500 Euro = 3.000 Euro.
Dieses kleine Beispiel verdeutlicht, dass durch Handel mit Aktien weder Werte geschaffen noch vernichtet werden. Dieses gilt für alle Arten der heute von der Finanzindustrie angebotenen Wertpapiere. Vorhandene Werte werden lediglich umverteilt. Wertzuwachs findet ebenso wie die Vernichtung von Werten nur in der Realwirtschaft statt. Erzielt das im obigen Beispiel angeführte Unternehmen Gewinn aus dem Verkauf von Produkten, so wird Mehrwert generiert, welcher investiert oder an Aktionäre ausgeschüttet werden kann. Wird das Unternehmen wegen Erfolglosigkeit liquidiert, so ist das eingesetzte Kapital vernichtet worden.
Nun darf in einer freien Marktwirtschaft jeder sein Geld ausgeben, wie ihm beliebt, ob für Musicals, Heckspoiler oder Glücksspiel in der Finanzwirtschaft. Das Kriterium “volkswirtschaftlicher Nutzen” gibt es in einer freien Marktwirtschaft nicht. Diese freie Marktwirtschaft basiert auf dem Streben, betriebswirtschaftlichen Nutzen zu erzielen. Es ist Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen für dieses Streben so zu setzen, dass kein volkswirtschaftlicher Schaden entsteht. Auf die hier angeführte Vermögensverwaltung hieße es, die Rahmenbedingungen so zu stellen, dass Investitionen in die Realwirtschaft steuerlich bevorzugt werden gegenüber reinen Finanzanlagen. Leider wird das Gegenteil praktiziert. So werden beispielsweise mit immer neuen Varianten von Riester- und Rürup-Renten Finanzanlagen unter dem irreführenden Begriff “kapitalgedeckte Vorsorge” staatlich subventioniert. Die Politiker sind parteiübergreifend stolz darauf, so das Rentensystem vorgeblich zukunftssicher zu machen. Verschwiegen wird, dass man die private Vorsorge dem Glücksspiel ausliefert.
Die attraktiven Steuervorteile für “Kapitalanlagen” verleiten auch immer mehr Unternehmen dazu, lieber in spekulative Finanzinstrumente als in Sachanlagen zu investieren. So berichtet die Financial Times, dass Porsche im Geschäftsjahr 2006 mit Finanzgeschäften vier Mal mehr als mit Autos verdiente. Deshalb kursiert in Finanzkreisen das Bonmot, Porsche sei ein Hedge-Fonds. In Zuffenhausen hält man nichts von dem Vergleich: “Wir verdienen Geld durch Hedgen und Autos – Hedge-Fonds machen hingegen keine Autos, soweit wir wissen”.
Nur wenn wieder in die Realwirtschaft investiert wird, kommt es zum Aufbau neuer Arbeitsplätze, die vom DIW belegte Spaltung der Gesellschaft in Habende und Besitzlose könnte gemildert werden. Herr Ackermann hätte keine Probleme mehr, die Vorteile der freien Wirtschaft für alle zu erklären.
Damit diese Vision in Erfüllung geht, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, beginnen Sie mit der Aufklärung Ihrer gewählten Abgeordneten.





Herr Fürstenwerth:
Sie stellen dar, dass der Finanzsektor keinen Mehrwert schafft, dass vorhandene Werte lediglich umverteilt werden, von Verlierern des Systems zu seinen Gewinnern
Ihr Plädoyer geht in die Richtung, dass Sie die Förderung der Investitionen in die wertschöpfende Wirtschaft propagieren, damit Arbeitsplätze geschafft werden.
Das ist zunächst ein ehrenwertes Ziel. Einzige Schwachstelle des Gedankens ist, dass Investitionen über Absatz sich lohnen müssen. Absatz, und nun wird es komplexer, ist aber nur dann zu machen, wenn angebotsseitig ein preislich attraktives Produkt vorliegt, andererseits nachfrageseitig die Mittel zum Produkteerwerb vorhanden sind.
1. preislich attraktives Produkt
Mit der Öffnung der Grenzen, dem Fallen der Zollbeschränkungen, McCain will den Prozess sogar noch beschleunigen, macht eine Eröffnung von Produktionskapazitäten in D keinen Sinn: Rumänien … würde dieser Firma sofort das Wasser abgraben.
Ich habe selber auch Produktkalkulationen betrieben; wenn Investitionen mit exorbitanten Zinssätzen sich in den Kalkulationen wiederfinden, weil shareholder argumentieren, die würden sonst anderweitig mit einem höheren Zinssatz anlegen, dann frißt sich nach und nach die Schlange selber auf.
Das zeigt, eine solche Betrachtung ohne die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu betrachten, ist etwas zu kurz gesprungen.
2. nachfrageseitig die Mittel
Ein Kontinent, der sich gerade bemüht, das gesamte Lohnniveau abzusenken, der Präkariat in voller Breite schafft, der den Mittelstand weitestgehend schleift, der in der Kinderrate laufend Negativzuwächse erzielt, der Leiharbeit und Armutlöhne entstehen läßt, der Transferleistungen zugunsten der Arbeitgeberförderung ( ohne Gegenleistung ) herunterfährt und damit Mittel zur Förderung der binnenwirtschaftlichen Nachfrage absenkt, ein solcher Kontinent ist aufnahmefähig für Produkte aus neuen Investitionen?
Die heutige Industrialisierungsdevise heißt doch: investiere in Unabänderlichkeiten, im absolut Notwendigen – Wasser, Strom, Gas, m.E. Lebensmittel, Pharma, Gesundheitssystem … – an dem Lebensnotwendigen sparen die Leute zuletzt.
Man sollte sich klar werden, die 10 bis 15% am oberen Vermögensende in Deutschland, die werden Investitionen auf Jahre hinaus nicht profitabel machen. Nur die Breitenwirkung kann Profitabilität bringen – aber genau hier ist immer weniger zu holen. Wir sind durch die falsche Schwerpunktsetzung der staatlichen Förderung unter dem Hauptmerkmal Globalisierung dabei unseren Staat, unser Gemeinwesen, unsere Bürger von innen auszuhöhlen!
Diese Zusammenhänge versuche ich hier zu klären! Das sind im wesentlichen die wirklichen inneren Widersprüche einer nicht flankierten Globalisierung.
Wirtschaft ist ein multifunktionales System, in welchem es kaum mono-kausale Zusammenhänge gibt. Deshalb liegt es mir auch fern, zu unterstellen, dass es allein durch eine Nichtbevorzugung des Finanzsektors zur Lösung der von Ihnen zu Recht angesprochenen komplexen Probleme kommt. Bei politischen Entscheidungen wird immer davon ausgegangen, dass die Finanzwirtschaft lediglich als Dienstleister der Realwirtschaft fungiert, der die notwendige und unverzichtbare Allokation von Finanzmitteln vornimmt. Deshalb habe ich im Beitrag aufgezeigt, dass es neben dieser Funktion einen Bereich in der Finanzwirtschaft gibt, der ständig wächst und schon ihren Hauptteil ausmacht, aber keinerlei Wertschöpfung hervorbringt. Leider wird der gravierende Einfluss dieser unproduktiven Geldumverteilung auf Entscheidungen in der Wirtschaft kaum wahrgenommen. Deshalb zur Verdeutlichung der Wirkungskette ein weiteres Beispiel:
Erfolgreiche Hedgefonds bringen es ebenso wie Private-Equity-Fonds mit ihren Wettgeschäften auf dreistellige Renditen. Nach Abzug der horrenden Gewinnbeteiligung für das Fondsmanagement verbleiben den Fondsinvestoren bei guten Fonds immer noch Renditen > 30 %. Diese aus den Wettgeschäften abgeleitete Renditevorgabe wird nun auch den Unternehmen gemacht. Konsequenz: es werden nur noch solche Produktentwicklungen betrieben, bei denen Renditen > 30% wahrscheinlich sind. Unverzichtbare Innovationen werden übertriebenen Renditevorgaben geopfert.
Darüber hinaus müssen Unternehmen auch alles daran setzen, diese Renditeforderung im laufenden Geschäft zu erreichen. Gerade hat BMW die Entlassung von 8100 Mitarbeitern angekündigt, weil die Eigenkapitalrendite auf 26 % gesteigert werden soll. Bei Nokia sind eine Eigenkapitalrendite von 32% und eine Umsatzrendite von 25% mit Handys noch nicht genug. Es leiden aber nicht nur die unmittelbar betroffenen Mitarbeiter dieser Unternehmen. Die dramatischen Renditevorgaben setzen sich in der gesamten Wertschöpfungskette fort. So hat BMW bereits angekündigt, von seinen Zulieferern mindestens 20% Preissenkungen zu verlangen. Die Konsequenzen sind klar, auch hier wird massiv rationalisiert. Leidtragender sind mittelständische Unternehmen und deren Mitarbeiter, bei denen es schlussendlich um die Existenz geht.
Das Bewusstsein für diese Wirkzusammenhänge muss in Politik und Öffentlichkeit erst noch geschaffen werden.
Sehen Sie mir bitte nach, dass ich mit dieser kurzen Ergänzung noch nicht auf Ihre Fragen zu weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen vor dem Hintergrund der Globalisierung eingegangen bin. Ich werde dieses – so die Zeit es erlaubt – in Kürze in einem separaten Beitrag nachholen.
Herr Fürstenwerth: “Das Kriterium “volkswirtschaftlicher Nutzen” gibt es in einer freien Marktwirtschaft nicht”;
1. bisher dachte ich immer, dass wir nicht in der freien sondern sozialen Marktwirtschaft segeln.
2. so ganz stimmt das Argument nicht, ich möchte hier das höchste Recht, das Grundgesetz zitieren, das, in welcher Art Marktwirtschaft Sie auch leben, noch nicht abgeschafft wurde:
Artikel 14
(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze
bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund
eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter
Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der
Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.
Dem Text des Grundgesetzes “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” stimme ich als Zielvorgabe vorbehaltlos zu. Ich sehe hier keinen Gegensatz zu meiner Aussage, dass es das Kriterium “volkswirtschaftlicher Nutzen” in einer freien Marktwirtschaft nicht gibt. Dieser Nutzen lässt sich nur nicht positiv definieren. Unternehmerische Entscheidungen werden getroffen an Hand von betriebswirtschaftlichen Kriterien wie Umsatz und Rendite vor dem Hintergrund des Strebens nach Marktanteil und Wachstum. Volkswirtschaftliche Kriterien gehen hier nicht ein.
Die vorherrschende neoliberale Denkschule postuliert, dass die Maximierung betriebswirtschaftlichen Nutzens automatisch zur Steigerung des gesamtwirtschaftlichen Wohlstandes führt. Dabei vernachlässigt sie allerdings elementare Grundregeln sozialen Verhaltens. Bereits die Philosophen der Aufklärung haben herausgearbeitet, dass die Freiheit des Einzelnen dort seine Grenzen findet, wo sie die Freiheit anderer beeinträchtigt. Auf die Wirtschaft übertragen heißt das, dass das betriebswirtschaftliche Profitstreben dort seine Grenzen findet, wo es das Wohlergehen anderer beeinträchtigt. Damit kann man den “volkswirtschaftlichen Nutzen” kaum positiv definieren, sondern dieser muss im Sinne des “Schaden abwenden” verstanden werden. In der Praxis sind also immer Kompromisse gefordert.
Konkret: Im Sinne der Automobilhersteller ist es betriebswirtschaftlich sinnvoll, so viele Autos wie möglich zu bauen und zu verkaufen, gleich wie hoch deren Spritverbrauch ist. Unmäßiger Autoverkehr und ungezügelter Benzinverbrauch zeitigen für Mensch und Umwelt gravierende Nachteile. Deshalb muss über staatliche Vorgaben dafür gesorgt werden, dass hier ein Interessensausgleich stattfindet, ergo Abgasrichtlinien, Geschwindigkeitsbeschränkungen, technische Normen für Sicherheitsvorgaben etc. Der Gesamtnutzen wird durch Interessenausgleich und Schadenbegrenzung erreicht. Dieses Prinzip wird in nahezu allen Bereichen praktiziert, mit einer gravierenden Ausnahme: dem Sozialbereich, hier hat die den neoliberalen Dogmen hörige Politik die Kompromissfindung zum Nachteil der Schwachen dem Diktat der Starken geopfert.