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Arbeitslosigkeit erzeugt Demokratiemüdigkeit

Am 28. Februar 2008 in der Berliner CDU- Zentrale abgegeben, weil Köhler nicht antwortete; Bemerkung zu dieser Veröffentlichung, die allgemein als “unhöflich” gilt: DD betrachtet es als demokratisches Prinzip, nicht in Hinterzimmern zu diskutieren sondern eine Kultur der offenen Demokratie zu pflegen.

“Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
Eine tiefe Sorge treibt mich um:

es vergeht kein Tag, an dem nicht wieder von hunderten Entlassungen gesprochen wird, jede Entlassung ist ein Schicksal in einer Familie.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht auch vermeldet wird, dass der Niedriglohnsektor sich laufend ausweitet. Es vergeht kein Tag, an dem nicht vermeldet wird, dass das Leben eines Multijobbers eine Notwendigkeit in vielen Familien geworden ist.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht von Preiserhöhungen berichtet wird, die weit über die über Jahre gemittelten Lohnzuwächsen hinausgehen.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht vor Altersarmut gewarnt wird, eine Zukunft, die uns nicht froh stimmt sondern die viele Bürger Deutschlands belastet.

Es vergeht auch kein Tag, an dem die Politik nicht schon wieder die Notwendigkeit zu gesell-schaftlichen Reformen aufzeigt.

Aber immer mehr Bürger dieses Staates sind am Ende, wie die Entwicklung privater Insolvenzen zeigen, wie auch die Bevölkerungsraten als Ausdruck einer Zukunftseinschätzung zeigen. Ande-rerseits jubeln die Unternehmen an der Börse über grandios gestiegene Gewinne. Über 60 Jahre haben die Bürger gelernt: Leistung wird sich lohnen. Heute lernen die Bürger: Leistung wird in einer Zweiklassigkeit bewertet. Es geht nicht mehr darum, wer die Wertschöpfung erzeugt, es geht darum, wer die Macht hat Forderungen in Unternehmen umzusetzen, der sitzt an dem längeren Hebel.

Unabhängig davon, Kernpunkt, und darauf haben Sie immer hingewiesen, ist Globalisierung. Sie haben vor Monaten gesagt, dass man Globalisierung menschlich machen muss. Die obigen Darstellungen zeigen aber leider das Gegenteil. Besteht denn nicht die Möglichkeit, dass Sie dem Volk etwas besser verdeutlichen, was Globalisierung ist und wohin Globalisierung führt und welche Anforderungen sich daraus ableiten. Es verfestigen sich immer mehr die inneren Widersprüche der Globalisierung, die zu einer Standortekannibalisierung geworden ist, deren Ergebnisse täglich in den Zeitungen zu finden sind. Viele haben das Ergebnis der gesellschaftlichen Veränderung noch immer nicht verstanden. Viele können nicht glauben, dass eine menschengemachte Globalisierung nicht flankierend erträglicher gestaltet werden kann.

Sie wissen zudem zumindest genau so gut wie ich, dass die Zauberformel „Bildung“ nur einen Teil der Lösung darstellt: Sie werden die natürliche Intelligenzverteilung nicht dahin verändern können, dass morgen alle Ingenieure oder Physiker sind.

Ein weiterer Punkt ist, dass, wie zuvor gesagt, die Politik tagtäglich von der Notwendigkeit zu Reformen spricht. Reformen aber haben im Volk deshalb einen negativen Aspekt, weil es die Politik versäumt, den Menschen plastisch genug die Welt von morgen aufzuzeigen. Wenn Sie ein neues Haus bauen, dann planen Sie das Haus auch minuziös, dann können Sie das neue Haus auch virtuell betreten, dann macht es eine Freude und ist Motivation zur Neugestaltung. Das hat die Politik versäumt, dieses Bild darzustellen. Wer als Sehender mit verbundenen Augen durch den Straßenverkehr geführt wird, bekommt Angst und genau diese Angst verursacht Zukunftsängste, mit allen Folgen.

Könnten Sie nicht versuchen, dieses Bild aufzuzeigen? Können Sie nicht versuchen, den Menschen das Vertrauen in die Zukunft zurückzugeben?

Ich danke für Ihre Mühe im voraus.
Mit freundlichen Grüßen

Bernd Müller
mmcb consulting
Berlin”

__________

“Wie kommt die Wirtschaft aus der Vertrauenskrise? Indem Unternehmen etwas gegen die allgegenwärtige Angst vor dem Jobverlust tun, sagt der Münchener Wirtschaftspsychologe Dieter Frey”, findet sich im Manager Magazin.

Die wirkliche Situation der Unternehmen und ihre Beschäftigung wurde von uns bereits dargestellt

  • kontinuierlicher Wandel der Arbeitswelt: weg von gut bezahlten Dauerarbeitsplätzen, hin zu Niedrigentlohnung, hin zu Leiharbeit
  • Sinnlosigkeit von ein Euro Jobs
  • Arbeitslosigkeit hängt nicht vom Ausbildungsstand ab.

Frey sieht das wirkliche Problem zu simpel, wenn er behauptet, man müsse nur ein wenig psychologisch betreuen, dann würde sich alles bessern. Was wirklich passiert:

  • Menschen haben Existenznot, weil sich die finanzielle Situation brutal verschlechtert
  • Menschen haben soziale Not, weil mit Verlust des Arbeitsplatzes sich auch der soziale Status verschlechtert
  • Menschen haben Zukunftsängste, weil sowohl die Zukunft der Kinder als auch die der eigenen Alterssicherung gefährdet ist

und solche Situation sind nicht durch psychologische Betreuung aufhebbar. Insbesondere Unternehmen, deren Namen beliebig häufig als Organisationen auftreten, die immer wieder Personalentlassungen zur Freude der Aktieninhaber veröffentlichen, sind völlig ungeeignet, Vertrauen zu schaffen. Es bleibt bei jedem einmal Betroffenen ein schlimmer Beigeschmack übrig, der heißt: du hast mir Jahre lang Identifikation mit der Firma eingebleut, aber nun entläßt du mich gnadenlos, weil ich als älterer Mitarbeiter für dich angeblich zu teuer geworden bin. Diesen Vertrauensverlust kann man nicht aus dem Unternehmen heraus lösen, weil das Unternenehmen selber der auslösende Faktor war.

Das wäre aus der Kenntnis des Autors bisher noch kein Problem für die Gesellschaft, “nur” ein individuelles Problem. Allerdings dadurch, dass die staatlichen Stellen, die durch die Globalisierung erst die Voraussetzungen geschaffen haben, dass die neue Menschlichkeit erfahren wird, sind, wie Belege im Internet zeigen, menschenabweisend. Sie erfahren dort keine Unterstützung; wer zum dritten Mal eine nutzlose Weiterbildung absolviert hatte, weil der “Fallamanger” das so wollte und sich dennoch keine Festanstellung ergab, der ist für gesellschaftskritische Ideen besonders empfänglich.

Richtig ist, wenn Frey analysiert “Es gibt enge Zusammenhänge zwischen der Einstellung zur Marktwirtschaft und der Einstellung zur Demokratie. Wer mit der wirtschaftlichen Lage nicht zufrieden ist, der misstraut auch tendenziell dem politischen System”, wobei in diesem Zitat die Logik in falscher Reihenfolge gesetzt wird: zunächst ist der auslösende Faktor die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation, alles andere ist eine emotional-logische Konsequenz.

Besonders ärgerlich sind die in den Raum gestellten Hinweise “Die Werte, die wir zu verteidigen haben, nämlich Demokratie und Soziale Marktwirtschaft, sind zu wenig bewusst, in der Öffentlichkeit zu wenig sichtbar”.

Der Bevölkerung ist klar was Demokratie heute ist:

  • eine Feudalherrschaft entrückter Gewählter, die sich um “mich” nicht kümmern
  • eine Feudalherrschaft entrückter Gewählter, die eine eindeutige Präferenz in Unternehmerschaft sehen, weniger in dem “normalen Fußvolk”
  • das normale Fußvolk ist zu einer manipulierbaren Masse geworden, das aber die Differenz zwischen Manipulation und Wirklichkeit sehr wohl kennt; berühmteste Täuschung der letzten Monate “der Aufschwung ist unten angekommen”
  • wie haben eine mediengesteuerte Demokratie, die sich kollektiv bemüht, durch mantraartiges ständiges Wiederholen einen Umerziehungsprozeß zu gestalten.

Der Bevölkerung ist klar was Soziale Marktwirtschaft heute ist:

  • es ist realiter ein Selbstbedienungssystem realisiert, das nur den fördert, der die Macht hat
  • die Globalisierung hat es geschafft, dass das Merkmal “sozial” kontinuiertlich demontiert wird
  • die Demontage des Gedankens der Solidarität hat dazu geführt, dass Bevölkerungsgruppen inzwischen begonnen haben, gegeneinander zu kämpfen; es ist oft erschreckend, mit welchem Gewaltpotential Kommentatoren bei der WELT- online posten
  • die Demontage des Gedankens der Gerechtigkeit zugunsten der Machtausübung ( Ellenbogengesellschaft ) führt zu einer asozialen Gesellschaftsordnung!

Nein, Herr Frey, die Bevölkerung hat sehr wohl ein Gespür für Demokratie und Soziale Marktwirtschaft und man sollte ihr nicht verdenken, dass sie das Gefühl aus ihrer Sicht entwickelt hat. Versuche, eine “neutrale” Sichtweise zu erzeugen, sind unsinnig, führen zur Gedankendressur.

Wenn nur 20% der Bevölkerung sagen, dass sie durch die Globalisierung gewinnen, 90% fühlen sich als Verlierer, dann sagt das alles über den Grund für diese Stimmung im Volk. Es wäre kein Wunder, wenn aus diesem Gebilde Deutschland ein Rattenstaat würde, in dessen vorletztem Stadium, wie genau diese Tierversuche gezeigt haben, bei zu großem Mangel die einzelnen Bewohner gegeneinander antreten, um sich zu vernichten, die erweiterte Stufe der Ellenbogengesellschaft.

Bedauerlich ist, dass Frey seine richtige These “Diejenigen, die sich eher als Gewinner wahrnehmen, möchten, dass das Prinzip des freien Wettbewerbs gestärkt und die Sozialkomponente reduziert wird” nicht weiter ausgebaut hat, weil es nämlich ab hier zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem System insgesamt wird. Diese Beschreibung ist nichts anders als das, was zuvor unter “Rattenstaat” bezeichnet wurde: es kämpft die Gruppe der Habenden gegen die Gruppe der Chancenlosen. Und die Gruppe der Habenden weiß sehr genau, dass der in Deutschland zu verteilende Kuchen nicht beliebig groß ist; es geht um die Verteidigung der letzten Krümel. Man sollte sich keiner Illusion hingeben: verloren haben a priori die, die die gesellschaftlich akzeptierten Kampfesriten nicht verletzen, weil jene aus der Gruppe der Habenden die systemimmanente Nutzung in allen Raffinessen zu gebrauchen verstehen; der Begriff “underdog” findet völlig neue und zutreffenden Inhalte.

Es ehrt Frey, wenn er sagt “als wissenschaftlicher Direktor der Bayerischen Eliteakademie versuche ich dem studentischen Spitzennachwuchs ein Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft zu vermitteln”. Wer aber berufserfahren ist, der weiß, dass er sich der lebendigen Unternehmenskultur möglichst schnell annähern muss; jede offen geäußerte Distanz zum vorherrschenden Prinzip gerät leicht zu einem Fall in die Bedeutungslosigkeit. Keiner sollte glauben, dass unternehmensphilosophischen Querdenker im Unternehmen in höheren Positionen gefragt sind. Querdenker sind nur dann noch tragfähig, wenn schnell (!) eingesehen wird, dass sie für das Unternehmen kreativ nutzbar sind.

Zurückzukommen auf den Brief an die Bundeskanzlerin:

Es ist viel mehr, was derzeit in der Bevölkerung brodelt als nur eine diffuse Unzufriedenheit. Sowohl Politiker, als auch Medien, als auch irgend jemand anders fühlt sich verantwortlich, der Bevölkerung ein bisschen mehr Ruhe und Zuversicht zu vermitteln. Statt dessen wird der Ball sich gegenseitig zugeschoben: als Frau Merkel vorgestern sich mit den Arbeitgebern traf, forderte sie, mehr zu erklären. Diese Forderung ist der Gipfel der Hilflosigkeit, weil jede verantwortliche Gruppe jeweils aus ihrer Sicht zu einer Klärung beitragen muss. Die Politik darf sich hier nicht aus dieser Aufgabe befreien!

DD wird abwarten, ob eine Reaktion der Bundeskanzlerin kommt.


Filminhalt: Wer Medien kontrolliert, kontrolliert auch Meinungen ( ~ 3 Min )


Wie gut geht es Unternehmen

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Wir möchten hier der Frage nachgehen, wie es kommt, dass derzeit die Gewinne der Unternehmen einen Rekord nach dem anderen vermelden und wie die Jahresentwicklungen sich darstellen. Grundlage sind die Daten der Deutschen Bundesbank: Wenn man die Daten der Deutschen Bundesbank ( preisbereinigt ) untersucht, dann zeigt sich: Während der Umsatz zwischen 1991 und 2007 um 22% [...]

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